Der Schnee ruft

Chic Chocs: Aufwärts mit Meta-Skiern

Lange gab es nur den Mythos der Chic Chocs. Von einer menschenleeren Wildnis mit steilen Bergen, engen Tälern und meterweise Schnee. Nun endlich ist der Mythos greifbar geworden. Dank einer Lodge, von der aus man zu unvergesslichen Back-Country-Abenteuern aufbrechen kann.

Dieser Trip wird einfach nicht langweilig. Jeden Tag gibt es mindestens eine Premiere. Die vorläufig letzte steckt gerade unter meinen Boots und heisst Meta-Ski. Die vom finnischen Sportartikelhersteller Karhu vor ein paar Jahren entwickelte Mischung aus Schneeschuhen und Telemark-Ski ähnelt Carvern, hat jedoch eine Allround-Bindung für Boots und Wanderschuhe und ist mit fest eingefügten Fellen ausgerüstet. Auf Meta-Skiern ist man deshalb im Tiefschnee schneller als auf Schneeschuhen, zudem lassen sie sich leichter kontrollieren als herkömmliche Ski. Alles in allem also Spaßgaranten für wenig erfahrene Tiefschnee-Fans. “Macht Laune”, sagt auch Baptiste, unser Guide, und stapft los.

Platz satt

Ich habe schon viel Schnee in meinem Leben gesehen, aber noch nie so viel auf einem Haufen. Der Wald vor uns ist unter Schneemassen begraben. Die Wipfel vier bis fünf Meter hoher Nadelbäume auf Augenhöhe, steigen wir langsam bergan. Als es steiler wird, leisten die Felle gute Dienste. Zwei Stunden später ist der Gipfel erreicht, eine baumlose Kuppe mit fantastischer Aussicht auf ein Meer weiterer Kuppen. Auf der anderen Seite erstreckt sich eine gut 50 Meter breite Schneise bis ins Tal hinab. Mit drei, vier Metern Platz zwischen den Bäumen ist genug Platz für alle da. Auf uns wartet eine Welt aus unberührtem, festem Niederschlag. Baptiste strahlt. “Sucht Euch eine Abfahrt aus”, jauchzt er, und einen Lidschlag später ist er schon zwischen den Bäumen verschwunden.  Einer nach dem anderen stößt sich mit Freudengeheul ab.

Verschwunden im Schneeloch

Ich entscheide mich für ein Schneise zur Rechten. Ich bin kein Tiefschnee- und Telemark-Profi, doch mit den Meta-Skiern komme ich auf diesem 35-Grad-Gefälle zunächst gut zurecht. Die Felle bremsen meine Fahrt nur so viel, dass mir nicht mulmig wird. Dank scharfer Kanten fühle ich mich auch in den Kurven sicher. Ich habe sogar Zeit, die Winterwunderlandschaft zu genießen. Das Schicksal ereilt mich an einem Nadelöhr zwischen zwei großen alten Kiefern. Ich carve zu stark, bremse dadurch abrupt und komme hinter der einen Kiefer zum Stehen. Gerade als ich Entwarnung denke, gibt der Schnee unter mir nach, und ich gehe auf Tauchstation. Bis zum Hals. “Schneeloch”, grinst Baptiste, während er mich freischaufelt, “im Windschatten der Bäume trägt der Schnee nicht!”

Ganz gepflegt: Die Great Outdoors mit Sauna

Die Québécois wissen es schön längst, und inzwischen haben auch die ersten tiefschneeverrückten Amerikaner aus Neuengland Lunte gerochen: In den unbewohnten Monts Chic-Choc, den Chic-Choc-Mountains in der kanadischen Provinz Québec, gibt es den besten Pulverschnee, die schneereichsten, “bowls” genannten Schüsseln, und das beste Backcountry Skiing im Osten Nordamerikas. Bis vor wenigen Jahren war der Gite du Mont Albert, eine 85-Zimmer-Herberge mit legendärem Ruf, das einzige Hotel im Innern der unzugänglichen Gaspé-Halbinsel. Seitdem ist die Auberge de Montagne des Chic-Chocs (engl.: Chic Chocs Mountain Lodge) dazu gekommen. Rustikal-elegant und von Sauna und Whirlpool bis hin zu einer Spitzenküche mit allen Annehmlichkeiten ausgerüstet, wurde die 18-Zimmer-Auberge den Wildnis Lodges der Rocky Mountains nachempfunden. Mit zwei Ausnahmen. “Wir haben die Benutzung von Fahrzeugen auf ein absolutes Minimum reduziert”, sagt General Manager Guy Laroque. “Wer in unserer Wildnis skilaufen will, muss die Berge selbst besteigen.” Die zweite Ausnahme hat mit Öko zu tun. Die SEPAQ, Québec´s Äquivalent zum kanadischen Nationalparksystem, hat der Auberge ein strenges, von biologisch abbaubarer Seife bis zum torfgefilterten Abwassersystem reichendes Umweltdiktat auferlegt.

Anreise in Ford mit Kettenantrieb

Die Anreise allein ist ein Abenteuer. Von Québec City aus ging es zunächst den St.-Lorenz-Strom entlang nach Cap Chat. Dort wurde das Gepäck in einen Kleinbus umgeladen, der uns auf einer alten Holzabfuhrpiste ein Stück landeinwärts fuhr. An einer Schranke stiegen wir noch einmal um, dieses Mal in einen mit Mattracks-Kettenantrieb umgerüsteten Ford E350. Die nächsten zwei Stunden schaukelten wir stetig bergan, und bald dämmerte es uns, warum die Micmac-Indianer die bis zu 1200 m hohen Chic-Chocs “undurchdringliche Mauer” nannten. Unser Ford arbeitete sich durch enge, V-förmige Täler. Gleich neben der Piste stiegen Berge fast senkrecht in den weißen Himmel. Wir sahen ein gutes Dutzend Elche und hörten später, die Gaspé-Halbinsel beherberge eine der größten Elchpopulationen im Osten. Irgendwann kreuzten wir den International Appalachian Trail, Nordamerikas legendären Fernwanderweg von Georgia bis nach Québec.

Fotostrecke

Statt Fernsehen die Wildnis im Fenster

Die Auberge de la Montage liegt in einem Schutzgebiet und verfügt über 60 Quadratkilometer zur exklusiven, passiven Nutzung. Von einem Vorsprung aus blickt sie über ihr bergiges Reich. Bei der Ankunft wurden wir von Guy, dem Küchenpersonal und den Guides begrüßt. Familiär – die Lodge bietet maximal 32 Gästen Platz – gestalten sich auch die nächsten Tage. Man speist gemeinsam an langen Tischen – Küchenchef Alain Laflamme war vorher im Fairmont Queen Elizabeth in Montréal und ist ein Kenner der regionalen cuisine – und stürzt sich jeden Morgen in kleinen, von Guides geführten Gruppen in neue Abenteuer. Spaß und Erholung pur also. Die in warmen Bernsteintönen gehaltenen Zimmer haben statt Fernsehen, Telefon und WLAN meist einen schönen Blick auf die Wildnis vor der Haustür.

Auf Schneeschuhen durch eine Märchenlandschaft

Den Tagesablauf bestimmt Mutter Natur. Während der ersten Nacht fallen 40 Zentimeter Neuschnee. Während sich die anderen für Tiefschnee-Skiing entscheiden, schnalle ich die Schneeschuhe unter und schließe mich einer Gruppe an, die mit Guide Chloé zu den Chutes Hélène (Helen Falls) gut 300 m unterhalb der Lodge hinabsteigt. Für die nächsten Tage ist noch mehr Schnee angekündigt, und ich will in aller Ruhe genießen und fotografieren. Der steile Trail hat es in sich, das Absteigen im Tiefschnee auch, trotz Schneeschuhen. Die Chutes Hélène sind eine spektakuläre, 50 Meter hohe Eiswand. Später am Tag besteigen wir den nach seiner Höhe benannten Mont 780 und blicken auf eine bewaldete Berglandschaft, aus der verschneite Kuppen über die Baumgrenze ragen. Das Dach der Auberge ist weit und breit der einzige Hinweis menschlicher Anwesenheit.

Pulverschnee wie Löwenzahnsamen

Zwei herrliche Tage spiele ich mit meinen Meta-Skiern. An meinem letzten Tag komme ich zu meinem Tiefschnee-Erlebnis. Warum ich so lange gezögert habe? Wie gesagt, ich bin kein Tiefschnee-Experte. Doch als wir einer nach dem anderen, unmittelbar vor der Auberge, abstoßen und Pulverschnee mich bis zur Brust einhüllt wie Löwenzahnsamen, lösen sich meine Bedenken in Luft auf. Soviel Platz, soviel unberührter Schnee. Das Leben ist schön. Vier Abfahrten machen wir an diesem Tag, neue, unberührte Schneisen zu finden ist nicht schwer. Auf dem Rückweg nach Cap Chat habe ich Muskelkater wie noch nie.

Ole Helmhausen

 

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