Toronto, die Makeover City

Totonto City

Noch nie gesehene Fassaden und Interieurs und eine Kunstszene, die sich was traut: Toronto erlebt eine kreative Renaissance, mit der es endgültig zu San Francisco, Chicago und New York aufschließt

Von außen macht das Four Seasons Centre for the Performing Arts nicht viel her. Rahmenlose Glasfassaden an der Nord- und Westseite, ansonsten fensterlose Ziegelwände in Anthrazit und ein Haupteingang wie zu einer Stadtverwaltung im Westfälischen. Wer zu schnell auf der University Avenue daran vorbei fährt, übersieht es leicht. Selbst wer auf der Queen Street West daran vorbei spaziert, ist nicht sonderlich beeindruckt. Das soll das Opernhaus mit der besten Akustik des Landes sein? Doch der erste Eindruck täuscht. Drinnen legt Toronto´s neuer Musentempel so richtig los: Form follows Function, zeitlos schönes Design aus Glas und honigfarbenem Ahornholz, und der Besucher, der von den gläsernen Galerien aus den wuseligen Großstadt-Alltag wie einen Stummfilm im IMAX-Format betrachtet, erkennt, das all´ dies gewollt is, die spektakuläre Abwesenheit der für große Opernhäuser sonst typischen Selbstverliebtheit ebenso wie das am “Eingangsportal” geübte Understatement. Statt die Brillianz seines Designs hinauszuposaunen, fügt sich das Four Seasons Centre dem Stadtbild und findet auch nichts dabei, den Kunstgenuss mit einem zu ebener Erde liegenden, dem Theaterbesuch das Elitäre nehmenden Haupteingang zu demokratisieren.

Architektur-Renaissance

Sean Stanwick strahlt. “Toronto durchläuft die aufregendste Phase seiner Geschichte”, sagt der Architekt, während er die Sahnehaube in seinen Latte rührt. “Die Stadt erlebt eine beispiellose kreative Explosion.” Tatsächlich: Wer vor zehn Jahren zum letzten Mal hier war, erkennt Toronto nicht wieder. Kanada´s größte Stadt erlebt ein unerhörtes Makeover. Nie zuvor gesehene Formen, Farben und Strukturen überall, vor allem im drei Blocks breiten Korridor beiderseits der University Avenue zwischen Front und Bloor Street. Berühmte Namen sirren durch die Stadt. Libeskind. Gehry. Alsop. Foster. Sir Norman Foster. Fast zeitgleich haben sich diese und andere Stararchitekten hier während der letzten Jahre ausgetobt. Daniel Libeskind z. B. mit seiner kristallförmigen Erweiterung aus Aluminium und Glas, die er dem altehrwürdigen Royal Ontario Museum (ROM) überstülpte und damit den festungsartigen, immer ein wenig abweisend wirkenden Schrein der Hochkultur ins 21. Jahrhundert hievte. Und Frank Gehry, der mit einem 180 Meter langen, gewölbten Segel aus Glas und Holz die Nordfassade der Art Gallery of Ontario (AGO) schmückte. Und Will Alsop erst, er hat das Sharp Centre for Design, eine schwarz-weiß gefleckte Tischplatte auf 27 Meter hohen Stelzen, auf dem Gewissen .. Dieser Tage führen Torontoer Architektenbüros die Design-Renaissance fort, allen voran Diamond & Schmitt (u.a. Four Seasons Centre) und Kuwabara Payne McKenna Blumberg (u.a. Gardiner Museum of Ceramic Art, Young Centre for Performing Art, Festival Tower), und dies in solch eindrucksvoller Manier, dass Libeskind, dessen nächstes Projekt der 50 Stockwerke, gläserne L-Tower an der Front Street ist, der Stadt bereits den Beinamen für´s dritte Jahrtausend verlieh: “Toronto the Great”! Dabei hat die Stadt, bei aller Aufregung, bei all´ der Hype, vor allem eines nicht aufgegeben: ihre Schwäche für gute Manieren, ein Erbe aus konservativeren WASP-Zeiten. Stanwick: “Gehry´s AGO respektiert, und das ist absolut nicht gehry-like, die Gebäude der Nachbarschaft, und auch das Four Seasons Centre macht kein großes Bohei aus sich.” Neo-Modernismus im weitesten Sinn ist im neuen Toronto angesagt, die immer lichte, transparente, menschenfreundliche Variante. Doch einen Toronto Style vermag Stanwick, der über die letzten Jahre der Stadt bereits ein Buch geschrieben hat, dennoch nicht auszumachen. “Dazu ist Toronto kulturell einfach zu vielfältig.” Er löffelt den letzten Sahnerest aus der Tasse und schiebt den Stuhl weg vom Tisch. Ein langer Tag liegt vor ihm, die neuesten Gebäude wollen fotografiert werden. “Das hat aber auch sein Gutes. Deshalb absorbiert Toronto die verschiedensten Audrucksformen umso leichter!”

Eine menschliche Metropole

Toronto´s Zauberwort ist “diversity”, Vielfalt. Wer dem Grund dieser kreativen Explosion nachspürt, wird es eher früher als später hören. Diversity, Vielfalt. Der Import großer Namen half natürlich. Wie zweifellos auch großzügige Geldspritzen der Provinz und privater Mäzene. Den Humus für diesen beispiellosen Quantensprung indes stellte Toronto´s ethnisch extrem facettenreiche Belegschaft bereit. Die gerade mal 200 Jahre alte Stadt weist den weltweit höchsten Anteil nicht im Land geborener Bewohner einer Weltstadt auf. Ein Dutzend ethnischer Viertel, hier “Neighbourhoods” genannt und jedes mit eigenem, unverwechselbarem Charakter, verlangsamen mit Tausenden von Bars und Restaurants das sonst für Städte dieser Größe typische, oft mörderische Tempo. Und obschon die Greater Toronto Area mit nunmehr über 5,5 Millionen Menschen die viertgrößte Stadt Nordamerikas ist, hat Toronto´s berühmtestes Bonmot nichts von seiner Bildhaftigkeit verloren: So verglich der große Peter Ustinov Toronto 1987 mit einem von Schweizern betriebenen New York. Weil es nicht nur groß, sondern auch sauber, effizient und sicher sei.

Action rund um die Uhr

Doch ist die Stadt auch kreativ genug, um ihren neuen Kleidern zur Ehre zu gereichen? Die Antwort ist ein klares Ja. Mit 192 Theatergruppen, mehr als 50 Ballett- und Tanzensembles, sechs Opern-Ensembles und zwei Symphonieorchestern ist sie es fraglos. Die größeren zeigen ihre Produktionen in der Downtown, dem auf dem Lake Ontario stehenden Rechteck zwischen Front und Bloor Street. Theater wie das Princess of Wales präsentieren Block Buster Musicals, Konzerthallen wie die Roy Thomson Hall internationale Stars der ernsten und leichten Muse, das Four Seasons Centre klassische Oper und modernes Ballett. Die Jazz-Szene gehört zu den besten Nordamerikas, Live-Musik gibt´s täglich. In rund 160 Klubs treten die besten DJ´s, Musiker und Entertainer des englischsprechenden Kanadas auf. Ungezählte Festivals, unterstützt von einer kulturfreundlichen Stadtregierung, bringen Kunst unters Volk, die allerneuesten: Die Toronto Nuit Blanche im September, wobei sich ganze Stadtteile eine Nacht lang in Bühnen für die ausgefallensten Events verwandeln, und Luminato im Juni, ein zehntägiges Kunstfestival mit über 100 meist freien Veranstaltungen.

Refugium für (anders denkende) Künstler

Wer jedoch wissen will, wo vorgedacht wird, was später – oder auch nicht – den Mainstream erreicht, mache sich auf die Socken und, Toronto ist fußgängerfreundlich, wandere dorthin, wo die Häuser noch niedrig und au guten, alten Ziegelsteinen sind. Dort, in abbruchreifen Klitschen und renovierten Lagerhäusern, ist die Kulturszene cutting edge, also topaktuell, innovativ und provozierend. Wie der Spielplan der Canadian Stage Company, die in der Berkeley Street am Südostrand der Downtown residiert und Zeitgenössisches produziert. Im vorletzten Herbst feierte die Truppe mit einem schwer verdaulichen Stück über Journalismus und Meinungsfreiheit Triumphe, letztes Jahr brachte sie Produktionen über den Irakkrieg auf die Bühne. Kritische,  mit Themen wie den Folterskandalen in Bagdader Gefängnissen. Dass dies vielleicht zu starker Tobak ist für das hiesige Publikum, sorgt die Dramaturgin Iris Turcott nicht besonders: “Torontonians sind zwar wohlhabend, aber auch liberal und weltoffen.” Neben ihr liegt ein Stapel ungelesener Manuskripte. Viele stammen von jungen amerikanischen Talenten, die kaum Hoffnung haben, in den USA gespielt zu werden. Seit dem Rechtsruck in Nordamerika, sagt Turcott, seien Toronto´s Theater und Kleinkunstbühnen engagierter als je zuvor. Dabei strahlt auch sie wie jemand, der fühlt, bei etwas Wichtigem dabei zu sein. “Unsere Stadt wird eine Art sichereres New York für internationale Dramatiker!”

Fotostrecke

 Toronto´s Alter Ego

Natürlich haben auch die bildenden Künste ihre Biotope. Das Produktivste ist West Queen West. Während der letzten Jahre als Refugium von Künstlern und Lebenskünstlern auf der Flucht vor astronomischen Mieten entstanden, leben und arbeiten in diesem von der Spadina Avenue bis zur Dufferin Street reichenden Abschnitt der Queen Street West heute die meisten der rund 10 000 Künstler Torontos. Oder werkeln in den Seitenstraßen, in alten Räumlichkeiten, die Artscape, ein von Stadt und Spendern finanzierter Verein, restauriert hat und ihnen zu Niedrigstmieten überlässt: Sie in ihren Workshops besuchen kann man in Artscape-Gebäuden wie 1313 Queen Street W und 900 Queen W. Wer sich auf dieses Viertel einlässt, darf eine spannende Expedition durch Torontos Alter Ego erwarten. Als solches ist West Queen West alles andere als perfekt und damit zutiefst menschlich. Ein anarchischer Ladenmix wartet, mit rissigen Bürgersteigen, die vibrieren, wenn die alte Straßenbahn vorbei rumpelt. Schönheitschirurgen (“Laser, Botox, Facial – All Welcome!”) residieren hier neben Tätowierungsstudios, Fahrradgeschäfte mit Hollandrädern made in New York neben Erotik-Buchläden. An Türen und Bäume geheftete Flugblätter werben für denkwürdige Events wie das “Surreal Film Fest” und die Show “Saigon Hookers”. Boutiquen wie “Girl Friday” (Nr. 740), “Stolen Riches” (Nr. 734) und “Psyche” (Nr. 708) verkaufen (noch) unbekannte Modedesigner, und in den Schaufenstern der Lingerie-Boutique “Miss Behavin´” (Nr. 650) präsentieren am Wochenende echte Models gewagte Dessous. Westlich vom Trinity Bellwood Park liegen sie dann, oft Tür an Tür, die kleinen Galerien, mit Cafés und billigen Diners dazwischen. Mit ihren Besitzern, oft kaum mehr als dreißig Jahren alten, unrasierten Urbanites, kommt man, von Abgehobenheit keine Spur, leicht ins Gespräch, und schnell steckt man mitten drin in Diskussionen über die Zukunft der Mixed Material Pop Art, oder wie immer man es auch nennen will, was da an den Wänden hängt, und immer und immer wieder, na klar, über die Multikulti-Metro Toronto als kreativem Nährboden für junge Talente.

Das Kreuz mit der Gentrifizierung

Doch leider ist es auch so: Label wie “hip” und “cool” verflüchtigen sich so schnell wie billiges After Shave. So cutting
edge ist West Queen West, dass sich nicht nur das Museum of Contemporary Canadian Art (Nr. 952) hierher ansiedelte, sondern auch Starbucks und junge Unternehmer mit Geld. Letztere haben aus alten Kaschemmen wie dem “Drake” und dem “Gladstone” schicke Boutiquehotels mit Kunstanspruch gemacht, die Folge: steigende Mieten und eine Künstlergemeinde, die langsam aber sicher schon wieder die Koffer packt und dieses Mal in dem westlich vom Gladstone beginnenden Abschnitt der Queen Street West, in Roncesvalles Village, vor Anker geht. Dort haben die ersten Galerien bereits eröffnet. Stadtverschönerung, “Gentrifizierung”, kann aber auch anders ausgehen. “Wir betrachten uns als Urban Farmer”, sagt Matthew Rosenblatt, Mitbesitzer der Cityscape Development Corporation und einer der Verantwortlichen hinter Torontos neuestem Entertainmentviertel, dem Historic Distillery District. Der rotzieglige 44-Gebäude-Komplex war einmal die größte Destille der Welt. Heute beherbergt er 15 Galerien, mehrere Dutzend zum Teil von Artscape betriebene Künstlerstudios, ein halbes Dutzend Bühnen und hervorragende Restaurants und Musikkneipen – und kein einziges Franchise. “Die Walmarts hätten als Mieter zwar mehr Geld gebracht”, erklärt Rosenblatt, in löchrigen Jeans alles andere als das Bild des erfolgreichen Jung-Unternehmers, “aber wir wollten Mieter, die Qualitätsware anbieten und unseren Traum träumen.” Der handelt davon, ein Klima zu schaffen, in dem neue Ideen und Visionen gedeihen. Torontos einzige Fußgängerzone inspiriert schon jetzt: kein Ketten-Unternehmen, kein langweiliges Déja-vu. Jeder Laden bietet etwas Einzigartiges, das Angebot reicht von Glasskulpturen im sechsstelligenPreisbereich bis zu hausgemachten Pralinen.

Manch einem ist das jedoch schon wieder viel zu etabliert, zu angepasst. Die Galerien im Distillery District, hört man bereits, hätten keine rauen Ecken und Kanten mehr wie die in West Queen West oder Roncesvalles. Den unvoreingenommen Besucher wird das allerdings kaum stören. In diesem neuen Toronto, wo derzeit alles in Bewegung ist, fühlt er sich ohnehin nicht als Tourist. Sondern als Entdecker.

Information:

Weiterführende Informationen zu Ontario finden Sie unter folgenden Websites www.ontariotravel.net/de und www.seetorontonow.com/de.

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